Luft schnappen ist verboten

Regeln und ihre Auswirkungen

von Reinald Kloska, 29. Oktober 2007

Regeln sind notwendig, ohne Regeln funktioniert nichts, das Chaos wäre vorprogrammiert. Straßenverkehr ohne Regeln? Eine Katastrophe! Fußball ohne Regeln? Was ist dann überhaupt das Ziel des Spiels? Schach ohne Regeln? Wie zieht ein Bauer? Es geht nicht ohne Regeln!

Dennoch existieren viele Regeln nur deswegen, weil manch ein Zeitgenosse die Lücken in den Regeln weidlich auszunutzen weiß. Warum darf ein Handy nicht ohne Partieverlust bimmeln? Ein klingelnder Festnetzapparat wird hingegen nur als Störung empfunden und, falls überhaupt, deutlich milder bestraft. Nun, auf dem Handy könnte man ja ein Schachprogramm laufen haben oder sich wie auch immer Züge übermitteln lassen. Ja, könnte man, aber hier werden viele bestraft weil ein paar wenige Schindluder treiben! Und die, die es nötig haben zu betrügen … mir tun sie nur leid! Wie stolz kann einer auf sich sein, wenn er nur durch sein Schachprogramm eine Partie gewinnen kann?

Auch die neu eingeführte Drei-Punkte-Regel ist, zumindest aus meiner Sicht, arg bescheuert und ungerecht. Wie viele voll ausgekämpfte Spiele endeten schon 4:4? Bestrafung für ein gerechtes und erkämpftes Ergebnis, nur weil irgendwer ein ausgemachtes 4:4 bei acht Remisen verhindern will. Lächerlich! Vor allem, in den unteren Ligen. Hallo Ihr Verbandsfunktionäre, hier spielen Amateure ohne Internet-Liveübertragung und Zuschauer! Aber zu dieser Regel hat sich Thorsten Heck auf der Iffezheimer Homepage bereits bestens ausgelassen.

Wie sehr sogenannte Schachfreunde die in der Regel berechtigten Regeln deuten und ausnutzen, ist an einem kürzlich erfolgten Fall in der Kreisklasse I zu sehen, nein, eher zu bewundern! Worum ging es dabei? Nun, als Spieler eines Mannschaftskampfes darf man die Turnierstätte nicht verlassen. Klar, denn man könnte ja hinter den nächsten drei Häuserecken einen Laptop stehen haben, den man zu seiner Stellung befragen will. So etwas ähnliches muss der gernsbacher Spieler Philipp Bohn vorgehabt haben, denn nach seinem 14. Zug stand er auf, verließ den Spielsaal, durchquerte den Flur, verlieߠ sogar das Haus und tat ein paar Schritte in den Hof des Grundstückes! Böses ahnend mutmaßte der ottenhöfener Spieler Klaus Pfeifer natürlich sofort, dass Philipp Bohn, sein Spielpartner – entschuldigung, sein Gegner – zum Laptop um die Ecke eilt und hat sofort Protest wegen Verlassen des Spielareals eingelegt. Ein genialer Schachzug!

Blöd war nur, dass der Gernsbacher anscheinend nur etwas frische Luft schnappen wollte und über das böse Ansinnen des Ottenhöfeners doch recht erstaunt gewesen sein muss.  Nun egal, das Ergebnis 1:0 wurde eingetragen (immerhin war der Ottenhöfener Spieler ja der Heimschiedsrichter und konnte sich so selbst einen Gewinn zurecht pfeifen) und Gernsbach protestierte.  

Die Entscheidung zu diesem Protestfall ist nach meiner Ansicht salomonisch, dem Protest wurde stattgegeben, die Partie ist weiter fortzusetzen. Gut, die Richter in diesem Fall müssen sich an die Gesetze halten und das Verlassen der Arena ist eben nicht erlaubt! Aber, wo beginnt und endet die Turnierarena? Genau diese hatte der Heimschiedsrichter (zur Erinnerung: das war der, der sich selbst die 1 zugesprochen hatte) vergessen zu markieren. Worte hätten dazu ausgereicht, ein Einzeichnen auf dem Boden analog eines Fußballfeldes scheint nicht nötig zu sein, auch die Markierung durch Duftstoffe, wie es Hunde gerne tun, ist hierzu nicht erforderlich. Aber es muss vor dem Mannschaftskampf gesagt werden, was alles zum Spielort gehört.

Hätte der Heimschiri also gesagt, dass der Hof nicht zum Spielort gehört, ja dann hätte er seine 1 gehabt – und keiner hätte mal kurz frische Luft schnappen können. Liebe Leute – wir spielen Schach, weil wir es wollen, weil wir Lust dazu haben und es uns Spaß macht! Da gehört es eben mal dazu, dass mein Kontrahent kurz auf den Hof geht um seine Gedanken wieder ordnen zu können! Nicht dazu sollten hingegen „Schachfreunde“ gehören, die meinen, auf die Art des Ottenhöfener Heimschiedsrichter Punkte sammeln zu können.

Nachlesen kann man den Vorgang und die Entscheidung in beigefügter pdf-Datei – viel Vergnügen dabei! 

Protestentscheidung

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